Plantage Potsdam

Plantage Potsdam, ein multicodierter Bewegungsraum

Ein Platz ist ein Platz ist ein Platz...

Manchmal ist er auch mehr, eine Grünfläche, ein Park oder, wie im Fall der Plantage in Potsdam, eine Schulsportfläche mit gleichzeitiger öffentlicher Nutzung.

Das landschaftsarchitektonische Wettbewerbsprogramm sah die Wiederherstellung der historischen Plantage 1850 nach Plänen von Peter Joseph Lennè als innerstädtischen, repräsentativen Stadtplatz im Zentrum der brandenburgischen Landeshauptstadt Potsdam vor. Gleichzeitig sollen heutige Anforderungen integriert werden, wie hohe Aufenthalts- und Freizeitqualitäten oder umfangreiche Spiel- und Sportangebote für die benachbarte Max-Dortu-Grundschule.

Geschichte:

Die Plantage ist einer von drei im 18. Jahrhundert angelegten grünen, baumbestandenen Stadtplätzen der Potsdamer Innenstadt und stellt einen wesentlichen Baustein für die Ablesbarkeit des historischen Stadtgrundrisses dar. Der ursprünglich sumpfige Grund wurde ab dem 18. Jhd. zunächst als Maulbeerplantage genutzt. Im Rahmen der barocken Stadterweiterung, beherbergte das Areal Einrichtungen für den Hof und das Militär (Marstall, Pferdeställe, Reithalle, Pferdelazarett, Garnisonkirche und Exerzierplatz). Die Fläche war durch schmale Kreuz- und Diagonalwege gegliedert und mit Linden eingefasst. 1850 wurde die Plantage nach Plänen von Peter Joseph Lenné, dem <link de.wikipedia.org/wiki/Landschaftsarchitekt; und General-Gartendirektor der königlich-preußischen Gärten zu einer großzügigen Grünfläche umgestaltet, in der Platzmitte blieb ein Exerzierplatz frei, gerahmt von Lindenreihen.

 

Die Zäsur des 2. Weltkrieges zerstörte den Patz und die östlich rahmende Bebauung. Ende der 60-er Jahre sprengte man auch die Reste und ein Datenverarbeitungszentrum wurde in Plattenbauweise errichtet. Diese Nutzung wird nun verlagert und das Gebäude abgerissen. Die Freiräume sind zerstört, überformt und befinden sich heute in einem übernutzten und vernachlässigten Zustand.

Das Stadtquartier, in deren Mitte die Plantage soll gemäß den Sanierungszielen der Stadt als innerstädtisches Wohn- und Arbeitsquartier entwickelt werden.

Die Projektierung ist durch ein Erwachsenen-  und umfangreiches Kinder- und Jugendbeteiligungverfahren vorbereitet und begleitet, Verfasser: gruppe F Landschaftsarchitekten.

Bewegungen:

In Anlehnung an Lennés Planung aus dem 19. Jahrhundert wird die Idee des doppelten Rahmens aus Rasenflächen und Baumreihen aufgegriffen. Die städtebaulichen Linien des Stadtkanals im Westen und die des langen Stalles im Osten werden wie ehedem parallel verschoben, nun jedoch durch eine Verschiebung zweier Rahmen in sich spielerisch gebrochen. So entsteht eine Verschränkung von Innen und Außen.

Der grüne Rahmen, die historischen Lindenbaumreihen bleiben erhalten, werden ergänzt und wichtige Einzelbäume integriert. Er fasst den Platz nach allen Seiten und bildet im Westen und Norden einen ruhigen, transparenten Puffer zum Straßenverkehr sowie im Osten zur neuen Wohnbebauung. Der schwarze Rahmen aus Asphaltbeton (mit Splittabdeckung im Grindingverfahren) ist Parkrundweg, 100-m-Bahn für den Schulsport und 400m-Rundlaufbahn. Lange Betonsitzelemente akzentuieren die beiden Rahmen.

Im geschützten Inneren liegt eine großzügige Multifunktionslandschaft aus farbigem Kunststoff (EPDM) für die zahlreichen Schul- und Freizeitsport- wie Spielnutzungen:

Ein Kleinspielfeld für Fußball, Handball, Basketball, Volleyball, etc., eine Weitsprunganlage, seitlich davon Tischtennisplatten, Streetball, eine Trampolinstrecke, und vieles mehr. Diese ebenen Flächen werden durch eine farbgleiche modellierte Teilfläche aus Beton für BMX, Rollschuh, Lauf- und Fahrrad, Scaten und informelles Spiel ergänzt. Wassergebundene Wegedecken ermöglichen Boulespiel.

Der zentrale Sandspielbereich „Rechnerhalle“ (Planung: spielAHOI Tilmann Stachat) nimmt mit Spiel- und Baumhäusern, Tunnelrutsche, Kletterspiel, Schaukeln usw. und dem „Abakus“ aus verschiebbaren, überdimensionalen Kugeln auf Stahlstangen Bezug zur Grundstücksnutzung der letzten 50 Jahre.

Die Osthälfte der Plantage wird zu einer leicht geneigten Rasenfläche mit Gymnastikwiese und einer rahmenden, staudenbepflanzten Böschung als Abgrenzung zur Erschließungsstraße. Die Rasenfläche wird zur “Kleinen Plantage“, ein gerasterter Hain aus Solitärgehölzen mit besonders schönen jahreszeitlichen Aspekten, Blüten-, Frucht- oder Blattschmuck, sie erinnern an die Maulbeerplantage. Wiesenkissen, weich figurierte Betonelemente laden zum lockeren, entspannten Aufenthalt ein.

Der landschaftsarchitektonische Entwurf respektiert und intensiviert die Bedeutungen des historisch wertvollen Ortes. Die Innovation liegt in der vielfältigen Nutzungsüberlagerung. Im Neben- und Miteinander begegnen sich Geschichte und Zukunft. Urbane Lebensqualität entsteht in der Mehrfachcodierung aus Ruhe und Dynamik, Aufenthalt und Repräsentation, Kommunikation und Kontemplation, öffentlichem und institutionellem Gebrauch, Spiel, Sport und Freizeitvergnügen für Jung und Alt. Die Diskussionen zu Sicherheits- und Haftungsfragen werden lehrreich für alle Beteiligte, das Projekt ist mit Sicherheit eine Chance BewohnerInnen und Kindern wieder Selbstverantwortung zuzutrauen.

Der Märzrevolutionär 1848 und Namensgeber der anliegenden Grundschule Max Dortu hätte sicher Freude an diesen multifunktionalen Bewegungen.