Ein Dreiklang in Wasser und Park – Die Kurparks Bad Gandersheims

    Die Kur-und Kulturstadt Bad Gandersheim im östlichen Harzvorland ist eingebettet in eine herausragende natur- und kulturräumliche Umgebung. Bad Gandersheim und seine Umgebung verfügen über eine solide und vielfältige Grundlage für touristische Synergien.

    Das Kurwesen ist tief in der Gandersheimer Geschichte verankert. Bereits im Mittelalter machte Roswitha von Gandersheim die Heilquellen bekannt. Die Stadt wuchs vor allem in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit den Kureinrichtungen und wurde durch diese geformt. Die Einrichtungen sind nun etwas in die Jahre ge-kommen und die Stadt leidet unter der Umstrukturierung des Gesundheitswesens in Deutschland. Aber das große Gut, die Heilquellen, sind noch immer da. Und die großen zusammenhängenden Kurparkanlagen, die sich durch Flüsse begleitet durch das liebliche Tal ziehen, dabei die spannenden Hanglagen eröffnen und bis in die Stadt hineinreichen, sind ein Reichtum, ein Schatz, ein Juwel, das es nur zu polieren und auszustellen gilt.

    Mit der Durchführung der Landesgartenschau 2022 bietet sich für Bad Gandersheim die Chance, sich als Kur- und Kulturstadt, als frische, junge und moderne aber auch traditionsreiche und vor allem grüne Stadt mit historischem Erbe neu zu erfinden und zu präsentieren.

    Qualitäten neu entdecken

    Derzeit sind die Übergänge zu den Parkanlagen versteckt. Die Zeit hat den Blick verstellt und die Spuren ver-wischt. Vor allem der Bahndamm und die üppig wuchernde Vegetation machen es heute schwer die ursprüng-liche Großzügigkeit zu erkennen. Das Wasser (vor allem das Quellwasser) ist der Ursprung des Kurwesens und der Parkanlagen. Wasser spielt die Hauptrolle und soll in all seinen Formen in den Vordergrund rücken.

    Der Entwurf macht es sich zur Aufgabe, diese wieder sichtbar und erlebbar zu machen, Räume wieder in alte/neue Zusammenhänge zu setzen. Die Parks bieten die Chance, die Tradition mit der Moderne zu verbinden und neue Zielgruppen als Besucher der Kurstadt zu erschließen.Es gilt also Barrieren zu beseitigen oder zu überbrücken und den Blick auf die Qualitäten wieder zu eröffnen, sie punktuell gezielt weiterzuentwickeln und an die Stadt anzubinden. 

    Dreiklang

    Die naturnahe Teich- und Flußlandschaft prägt den NaturKurpark des nördlichen Ganderaums und bindet das Kloster Brunshausen an. Der BewegungsKurpark im Südosten ist der Bewegung und dem sportlichem Freizeiterlebnis rund um die Osterbergseen und den Kurteich gewidmet und bindet die Paracelsusklinik an

    Der StadtKurpark bildet das Herz im Dreiklang und verbindet Natur- und BewegungsKurpark mit der Stadt. Soleschwimmbad und Roswithaklinik liegen eingebettet im StadtKurpark. Die Gandepromenade und die Kur-promenade führen unter den Viadukten am Bahndamm vorbei in die Altstadt und binden den Amtsgerichts-garten und die Altstadt mit der Stiftskirche an.

    Drei Wasser als Protagonisten

    Das verbindende Element aller Parkteile ist das Wasser in allen seinen Formen (Flüsse, Teiche, Quellen). Das Wasser soll sicht- und erlebbar gemacht werden. 

    An den Quellen: Die oberirdisch sichtbaren Quellen (Roswithaquelle und Wilhelmsquelle) werden auf jeweils großzügige Plätze gestellt. Sitzelemente laden zum Verweilen ein. Hinweistafeln geben historische und chemisch/medizinische Informationen zu den Quellen. Die Quellen erhalten einen edlen Rahmen, um sie in ihrer besonderen Bedeutung herauszustellen.

    An den Flüssen: Die Hauptwegeführung erfolgt entlang der Flüsse. Die Wege fließen mit dem Wasser in die Parks bzw. in die Stadt. Gande und Eterna werden zum einen durch punktuelle sensible Auslichtung der Gehölzflächen geöffnet, zum anderen durch teilweise Erweiterung der Flussquerschnitte mit abgeflachten, naturnahen Uferböschungen und Störsteinen im Flussbett. So entstehen Retentionsflächen zur Flutprävention, aber auch Aufenthaltsbereiche am Ufer. Den Abfluss im Flutfall nicht behindernde Sitzstufen in den flachen Uferböschungen laden an die Flüsse ein.

    An den Seen und Teichen: Einzelne Steganlagen führen an ausgewählten Stellen an das Wasser. Im Auepark dienen sie mit Vogelbeobachtungsstation und Hochsitz der Naturbeobachtung und halten sich weitestgehend auf Abstand zum Biotop. Im Südosten laden großzügige Sitzstufen, kleinere Stege und ein Bootsanleger zur intensiveren Nutzung der Teiche ein.

    Neben den bereits vorhandenen Formen des Wassers ergänzen eine saisonale Eisfläche im Kurpark und ein Nebelgarten im Umfeld der Wilhelmsquelle den Kanon.

    Parkdreiklang

    Klang Eins - Der NaturKurpark

    Die Natur kann heilen. Kontemplative Orte voller Vogelgezwitscher, Wasserplätschern und rauschendem Röhricht. Damit die Teiche wieder wahrgenommen werden können, erfolgen sensible Eingriffe in den Uferbereich der Gande. Entlang des einfachen Weges werden abschnittsweise naturnahe Uferstauden ergänzt. Am südlichen Koppelteich führen einfache Stege ans Wasser und zu Hochsitzen und ermöglichen so die Naturbeobachtung.

    Das Kloster Brunshausen mit seinem Klostergarten wird durch zwei Übergänge über die Hildesheimer Straße angebunden.

    Klostergarten

    Der Klostergarten wird durch einen eindeutigen Fußweg gefasst. Die Roswithaquelle steht auf einem Platz mit Muschelkalkintarsie. Sitzelemente erhöhen die Aufenthaltsqualität am Quellhäuschen. Auch die Acker-brunnenquelle bekommt eine neue Fassung.

    Klang Zwei - Der BewegungsKurpark

    Über eine schmale Brücke und entlang einer Straße angebunden findet sich der intensiver gestaltete Kurpark-bereich an der Eterna mit großen Teichen und freien Wiesenflächen. Derzeit sind die Teiche hinter einer dichten Abpflanzung verborgen. Die umlaufenden Wege sind schmal. Es gibt kaum Platz zum Aufenthalt zwischen dem Gehölzgürtel und der schmalen Uferböschung. Die umschließenden Hanglagen sind kaum zu erahnen.

    In der Natur macht Bewegung doppelt Freude. Die um die Teiche verlaufenden Wege und Straßen werden weiter genutzt.Das Ankommen an den Seeterrassen wird als großzügige Öffnung inszeniert. Ein materialeinheitlicher Platz verbindet Eterna, Hotel Seeblick und das Ufer des ersten Osterbergsees. Direkt am Wasser laden Sitzstufen-anlagen und ein schwebendes Holzdeck zum Aufenthalt ein. Das Café erhält genügend Raum für die Außensitzplätze. Die Straße an der Eterna und der parallele Uferweg im Norden der Seen werden zur großzügigen Eterna-Promenade vereinigt. Die Gehölzflächen dazwischen werden ausgelichtet und aufgeastet und mit extensiven, schattenverträglichen Stauden aufgewertet. So werden Blickbezüge von der Promenade auf die Wasser-flächen möglich. In regelmäßigen Abständen akzentuieren kleine Plätze die Doppelpromenade und ermög-lichen das Queren der Pflanzflächen.

    Zwischen den Teichen eingefügte Holzstege schaffen kontemplative Orte am Wasser. Die Halbinsel am Südostufer des zweiten Osterbergsees wird durch ein Holzdeck mit Bootsanleger gefasst. Hier können kleine Ruderboote ausgeliehen werden. Zwischen den Osterbergseen und dem südlichen Kurteich entsteht ein großzügiger Platz für Veranstaltungen und ggf. Gastronomie. Im Anschluss daran befinden sich Freizeitsportflächen (Tischtennis, Streetball, Boule) und ein großer Wasserspielplatz.

    Östlich des Teiches liegen weitere Spiel und Sportflächen (u.a. Beachball) in die weiten Wiesen eingebettet. Der Rundweg erklimmt an seinem Wendepunkt auf eine leichte Anhöhe (bis 3 m), von wo sich ein weiter Blick über den Park eröffnet. Die parkseitige Böschung wird befestigt und lädt zum Skaten oder BMX-Fahren ein.

    Die Bühne wird dauerhaft am Südhang unterhalb der Paracelsus Klinik angeordnet. Sitzstufen im Hang bilden die Tribüne, die temporär durch eine Bestuhlung vor der Bühne ergänzt werden kann. Der Kurteich stellt eine liebliche Kulisse. Kleine Wege führen mit unterschiedlichen Steigungen aus dem Tal in die steilen Hanglagen, perfekt z.B. für das Terraintraining. Hier können punktuell Sportgeräte zu Dehnungs- und gymnastischen Übungen auffor-dern. Hat man sich die gesunde Mühe gemacht, belohnen liebliche Ausblicke. Ein Weg führt barrierefrei in diese luftigen Höhen. Über diese Trainingswege wird auch die Klinik besser an den Park angebunden.

    Klang Drei - Der StadtKurpark

    Dieser Bereich stellt das Herz der großzügigen Kurparkanlagen von Bad Gandersheim dar. Um den vorhandenen Parkteich mit Fontaine laden sanft modellierte und von Staudenbändern gefasste Wiesenflächen zum innenstadtnahen Aufenthalt ein. Zwischen Hildesheimer Straße und Gande entsteht am Fusse des Bahndammes ein großzügiges Entreé, das sich zu einer offenen Kurpromenade weitet.

    Das alte Kulturhaus wird zugunsten der großzügigen Parklandschaft abgebrochen. Ein kleineres neues Gebäude als Fahrradstation (Fahrradverleih inklusive öffentliches WC und Kiosk mit Außenbestuhlung) wird an die Böschung des Bahndammes gelegt. Hier könnte auch der Fahrradfahrstuhl (gemäß ISEK) zum Skulpturenradweg auf dem Damm angeordnet werden. Ein an einen klassischen Kurpavillon angelehnter leichter, offener Pavillon bildet auf dem Entreéplatz den Schwerpunkt und Raum für saisonale Außengastronomie  und Veranstaltungen.

    Der Bahndamm, massive Barriere zwischen Stadt und Kurparkbereich, soll zum Erlebnisraum umgewidmet werden, an dem der Skulpturenradweg mit dem Kurpark und mit der Stadt verknüpft wird.

    Neben dem oben entlang führenden Skulpturenradweg entsteht ein schmaler Weg für Fußgänger, um Kon-flikte zu vermeiden, und kleine Aussichtsplätze, um die Chance der Blickbeziehungen von solcher Höhe in Richtung Stiftskirche/Altstadt und in Richtung Kurpark zu nutzen. Der dichte Baumbestand wird sensibel ausgelichtet. Auch im Westen entsteht ein kleineres Entreé in Richtung Altstadt, dass sich gleichzeitig zur Gande öffnet.

    Im Süden schließt der Platzrahmen an die Gandepromenade an, die hier entlang der Gande unter dem impo-santen Viadukt mit dem BewegungsKurpark verbindet. Die Ufer der Gande werden geweitet, die Böschungen zum Wasser abgeflacht, Sitzstufen schwingen in der Böschung. Ein Spielplatz wird östlich des Eiscafés an der Gande entwickelt.

    Amtsgerichtsgarten

    Die Gandepromenade führt, die Gande begleitend weiter nach Westen. Nördlich wird der Amtsgerichtsgarten durch barrierefreie Wege erschlossen und durch einen extensiven Schattengarten und einen Aussichtsbalkon in Richtung Innenstadt akzentuiert. Der alten Wasserburg vorgelagert entsteht ein ruhiger, schlichter Platz mit Sitzmauer. Entlang des Spielplatzes führt ein Weg in Richtung Innenstadt.

    Bereich um die Wilhelmsquelle

    Das Quellhäuschen wird auf einen offenen ruhigen Platz gestellt und erhält eine Muschelkalkfassung. Beidseitig besitzbare Sitzelemente grenzen die westlich anschließenden Spiel- und Gartenbereiche (Spiel-platz „Salzberge“, Nebelgarten, Naturspielplatz) und den östlich anschließenden Barfußpfad (mit Stauden-rahmen) vom Quellplatz ab.

    Die Gartenschau

    Der Haupteingangsbereich am Bewegungskurpark liegt über dem Tal und öffnet bereits den mit Blick über den intensiven Gartenschaubereich. Von dort führt ein Weg barrierefrei in Richtung Seeterrassen ins Tal. Der Gartenschaurundweg umschwingt die Seen und Teiche im Bewegungskurpark, von Staudenbeeten und Wechselflor begleitet. Am Ankunftsplatz zwischen Osterbergsee und Kurparkteich findet man - neben den dauerhaften Anlagen -eine der Hauptgastronomien und Veranstaltungsflächen. Die Festspielbühne ist Gartenschauhauptbühne.

    Die Hallenschau mit Gartencafé befindet sich im östlichen Kurparkbereich. Anschließend liegen auf den großen offenen Wiesenflächen Themengärten und weitere Schauflächen zwischen den Sport- und Spielflächen. Auf den Osterbergseen schwimmen Gärten. Im Waldlabor am Waldrand versuchen sich Gärten, Kunst und Spiel an steilen Hängen. Der Gartenschauweg führt nördlich entlang der Waldkante mit Schattengärten und Klettersteigen in Richtung Quellplatz und entlang des Solebades mit Einblick in das neue Flussbad. Nach Norden führt der Gartenschauweg über die Dr.-Heinrich-Jasper-Straße. Durch den NaturKurpark führen Naturthemen und ein Natur- und Erlebnisweg mit Wissensstationen. Der Außenstandort Kloster Brunshausen mit dem Eingangsbereich an der Roswithaquelle bildet den nördlichsten Abschluss der Gartenschau.

    Fläche

    55 ha

    Auftraggeber

    Stadt Bad Gandersheim

    Architektur

    mayerwittig Architekten und Stadtplaner, Cottbus

    Wettbewerb 2018, 3. Preis