Die fast unendliche Weite und der wirkliche, bisweilen unwirklich freie Raum des Tempelhofer Feldes sind eine außerordentliche Qualität, ein Luxus für die Stadt, die es an diesem schon jetzt besonderen Ort unbedingt zu erhalten gilt. Das Potential der Leere, die Offenheit ermöglichen eine für Berlin einzigartige Wahrnehmung der Stadtsilhouette, eine neue, unbekannte Natur- und Frei-Raumerfahrung, die in dieser Form bisher nicht möglich war. Der Ansturm und die Inbesitznahme bei der Eröffnung des Geländes zeugt von der Neugier und dem Wunsch diesen ganz anderen, fremden Erfahrungsraum im städtischen Kontext zu erleben.

    Die Wahrnehmung der Stadt verändert sich mit der Bewegung auf dem Feld permanent: je weiter sich der Besucher vom Rand in die Mitte entfernt, desto maßstäblicher, angenehmer wird das monumentale Eingangsgebäude, verliert hier seinen abweisenden Charakter.

    Die Stadtsilhouette eröffnet sich als Panoramabild, rückt in beschauliche Ferne. Diese Distanz ist wohltuend für den, der die Einsamkeit sucht, irritierend für den, der die Lebendigkeit der Stadt bevorzugt. Die große Leere - mitten in der Stadt - provoziert.

    Der Entdecker jedoch sucht neugierig nach Unbekanntem und wird fündig: komische Vögel und seltene Pflanzen, viel frische Luft und historische Spuren. Der alte Flughafen mit der Morphologie des Schießstandes, den Bunkern und dem umgebenden Baumbestand, die Wetterstation, das Ballonhaus, Rollfelder und Landebahnen, Leuchtzeichen, dem Doppel- Drehfunkfeuer im Zentrum des Feldes, amerikanische Überbleibsel wie die Picnic-area, die Soft-Baseball- und Basketball-Felder, der Tennis-court sind reizvolle Relikte der alten Zeit, die problemlos erhalten und umgenutzt werden können.

    Der Rand bietet zwischen dem Taxiweg und dem umgebenden Stadtraum ein einfaches Erschließungssystem aus Straßen und Wegen und viel Raum für alle möglichen und unmöglichen Freiraumnutzungen, die sich hier in großer Dichte und Vielfalt entwickeln können und sollen.

    Die Unvorhersehbarkeit der Nutzungen und die Dynamik der sich wandelnden Nutzerwünsche erfordern eine große Flexibilität und Robustheit der Flächen und eine klare, räumliche Prägnanz.

    Konzept

    Wir schlagen vor die große Offenheit des Tempelhofer Feldes (innerhalb des Taxiweg) zu erhalten und zu stärken.

    Die markante Dreiteilung des ehemaligen Flughafens: Freies Feld, Taxiweg und Rand (jetzt: „Wandelwald“) bildet die Grundlage der räumlichen Zonierung des neuen Parks.

    Der großzügigen Freiheit und Offenheit, der imposanten Weite des Feldes wird die komplexe Dichte und Vielfalt der möglichen und unmöglichen, gegenwärtigen wie zukünftigen Nutzungen im Rand gegenübergestellt.

    Als initiale Setzung erhält der Ring am Rand des Taxiweg eine Baumkulisse, die sich in die Tiefe des Raumes hin auflöst. Kurzumtriebsplantagen sind - als Energiewälder - Teile dieser Kulisse. Sie können, je nach gewählter Baumart, im Turnus von 3-10 Jahren durch Schnitt ersetzt bzw. vergrößert und verkleinert werden. In seiner Gesamtheit wird der Ring so zum bespielbaren „Wandelwald“ entwickelt, der sich auch kurzfristig dynamisch einer gewünschten, neuen, zum Zeitpunkt der Pflanzung noch unbekannten, Nutzung anpasst. Eine äußere Hülle aus langlebigen, standortgerechten Bäumen umschließt den inneren Bereich der Kurzumtriebsplantagen. Die Baumkulisse ist der starke, langsam wachsende Rahmen eines sich verändernden inneren Bildes der Nutzungsvielfalt. Die Baumkulisse des „Wandelwaldes“ erinnert von außerhalb betrachtet an einen klassischen Parkrand, beim Eintreten löst sich das Bild jedoch langsam auf. Er bietet gleichermaßen Aufenthalt und Bewegung, ist ein flexibles System offener und geschlossener Räume.

    Hier kann auf vorgegebener, limitierter aber flexibel erweiterbarer Fläche eine Nischenbildung für neue Freiraumstrategien und -unternehmungen, Raumpioniere und Zwischennutzer stattfinden, die Baumkulisse bindet die Vielfalt der Nutzungen (unter einem Blätterdach) ein.

    Gleichzeitig ist es der Ort für kostenpflichtige, innerstädtische Aktivitäten (Beachball, Claiming, Community gardening, Café- und Biergartennutzung, etc.) und flächenintensive, periphere Nutzungen (Zirkus, Reiten, Golf, Camping, Hundesport, Kiteboarding, etc.), die hier innenstadtnah angeboten werden können, wodurch eine Selbstfinanzierung in Bezug auf Bau und Unterhaltung gegeben ist.

    Solche Aktionsräume bedienen die vielfältigen Ansprüche und Wünsche an städtische Freiraumnutzung und übernehmen gleichzeitig die Verantwortung für die Parkunterhaltung.

    Das befestigte Vorfeld des Flughafengebäudes bietet Raum für Kultur und Subkultur, Konzerte, Ausstellungen und Modeevents.

    Der Rand dient als „Wandelwald“ den intensiven Nutzungen, die je nach Wunsch auch langfristig erhalten bleiben können, das Feld wird (außerhalb der geschützten Bereiche) lediglich temporär bespielt.

    Der immer stärkeren Ausdifferenzierung der Gesellschaft mit ihren vielschichtigen Freizeitaktivitäten wird hier Raum gegeben. Neue Allianzen zwischen den Generationen und den unterschiedlichen Kulturen der Stadtbewohner werden ermöglicht. Die große Zahl der Angebote und das reibungslose Nebeneinander der Akteure erfordert Spielregeln, die gemeinsam planerisch zu bestimmen sind.

    Der „Wandelwald“ ermöglicht das experimentelle Erproben von Stadt, sei es durch neue Formen des Wohnens und Arbeitens im künftigen Städtebau oder durch die bunte Mischung gewöhnlicher und ungewöhnlicher Freizeitaktivitäten.

    Der Park wird so ein weiterer Baustein und Motor der Berliner Kreativwirtschaft.

    Der Taxiweg ist Bindeglied und Rückgrat des Parks. Wie an einer Perlenkette reihen sich auf ausgewiesenen, limitierten Feldern die „Terminals“, die als leichte Infrastrukturgebäude für Versorgung und Information der Parkbesucher und als Ticketverkaufsschalter für die angrenzenden Nutzungen dienen. Als erster Schritt wird dazu ein umlaufender Medienkanal entlang des Taxiweg errichtet, als Voraussetzung für das flexible „Andocken“ der „Terminals“.

    Das Konzept der „Terminals“ beinhaltet die phasenweise Entwicklung von Gebäude-Clustern an strategischen Punkten entlang des bestehenden Taxiweges. In jedem Cluster werden alle relevanten Kriterien im Sinne ökologischer Nachhaltigkeit berücksichtigt.

    Durch die Nutzung des bestehenden Taxiweges und seiner Infrastruktur als Verkehrsfläche entsteht kein zusätzlicher Flächenaufwand für das Projekt.

    Darüber hinaus sieht das Entwurfskonzept keine zusätzliche Oberflächenversiegelungen auf dem Gelände vor, da alle Boxen auf temporären Fundamenten ruhen und generell auf Keller verzichtet wird.

    Alle baulichen Eingriffe erfolgen oberhalb der Erdsohle, so dass das Grundwasser geschützt wird.

    Alle Gebäude eines Clusters werden in modularer Bauweise errichtet.

    Flexible, an wechselnde Anforderungen anpassbare Grundrisse garantieren eine nachhaltige Nutzbarkeit der Volumina und damit ihre Dauerhaftigkeit. Gleichzeitig wird so die Rückbaubarkeit der Boxen sowie die Wiederverwertbarkeit einzelner Bauteile gewährleistet.

    Die Module sind insbesondere im Bereiche der „Einflugschneisen“ zeichenhaft bis zu 3 Etagen stapelbar.

    Für alle Gebäude werden recycelbare Baustoffe und Bauteile verwendet, die mit möglichst geringer Umweltbelastung und Energieaufwendung in der Gewinnung und Herstellung sowie geringem Wartungsaufwand in der Nutzung verbunden sind.

    Jede Box wird in energiegerechter Bauweise erstellt.

    Durch die kompakte Bauweise aus 4 x 4 x 4m modularen Kuben wird ein optimiertes Nutzfläche-/Volumenverhältnis erreicht.

    Die flexible und kompakte Grundrissaufteilung ermöglicht die Optimierung der Leitungswege für Versorgungsleitungen in jeder Einheit.

    Für jedes Gebäude wird der Nachweis eines reduzierten Primärenergiebedarfs mit mindestens Null-Energie-Standard erbracht. Dies erfordert die Realisierung eines hohen baulichen Wärmeschutzes für jede Einheit.

    Alle Boxen verfügen über natürliche Belichtung und Belüftung, passive Solarenergienutzung und natürlichen sommerlichen Wärmeschutz zur Vermeidung maschineller Kühlung.

    Für jedes Cluster ist je nach Realisierungsphase ein integriertes Energieversorgungskonzept mit Regenwassernutzung auf dem Gelände und Photovoltaikanlagen vorgesehen.

    Die „Flugdecks“ sind multifunktionale Spiel- Sitz- und Liegelandschaften entlang des Taxiweg am Feldrand. Sie sind Orte der Zusammenkunft, des Austausches, des Entspannens und Beobachtens am Taxiweg.

    Das freie Feld dient der kontemplativen Erholung, dem Schlendern, Spazieren, Picknicken und dem Blick in die Ferne, so nah ...; kurz: Der Entschleunigung.

    Die beiden imposanten Start- und Landebahnen hingegen sind das Gegenteil, die perfekten Beschleuniger zum Skaten, Kiteboarden oder Sprinten. Sie können natürlich auch für temporäre Großveranstaltungen genutzt werden. Entlang der nördlichen Landebahn wird ein Hundesauslaufbereich angeboten, die gezäunten Vogelreservate erhalten umlaufende Gräben mit darin angeordneten, vom Feld her unsichtbaren Zäunen (analog den Ahas im englischen Landschaftsgarten). Kleine Aussichtspunkte dienen der Vogelbeobachtung.

    Das ehemalige Doppel-Drehfunkfeuer im Zentrum des Feldes wird mit einer umgebenden Baumgruppe zum „Tempel“. Analog den Staffagebauten in barocken Parks und später im englischen Landschaftsgarten kommt ihm, als heute zweckfreies Gebäude eine besondere Bedeutung als Blickfang und Aussichtspunkt zu. So dient der „Tempel“ dem ruhigen Verweilen, Lagern und Picknicken unter dem lichten Blätterdach mit Blick auf das offene Feld und die entfernte Stadtsilhouette.

    Kontext

    Das städtebauliche Umfeld mit der Tempelhofer Fliegersiedlung, dem Kreuzberger Bergmannkiez, dem Neuköllner Schillerkiez und dem Rollbergviertel, der Hasenheide und dem Neuköllner Sommerbad wird durch die „Einflugschneisen“ angebunden. Es handelt sich um großzügige Einschnitte in die Baumkulisse.

    Stadtgärten und flächige Pflanzungen mit ruhigen Sitzplätzen unterstreichen diese großzügigen Stadteingänge, bieten Sitznischen zwischen Blumen.

    Fläche

    3.500.000 m²

    Auftraggeber

    Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Berlin

    Wettbewerb 2010