Wernigerode ist ein romantisches Fachwerkstädtchen am Nordrand des Harzes mit Blick auf den legendären Brocken. Den Wernigerödern fast in Vergessenheit geraten waren jedoch die sieben historischen Fischteiche am Stadtrand, der älteste aus dem 14. Jahrhundert. An der Schnittstelle zwischen Stadt und Landschaft lagen sie eingezwängt – gesichtslos, ungeordnet, vernachlässigt. Das Gebiet wurde in den letzten 50 Jahren als Bauschuttdeponie missbraucht.

    Die Landesgartenschau 2006 war hier das ideale Instrument für die Stadt, diesen „Unort“ zu rekonstruieren, zu sanieren und für die Bevölkerung nutzbar zu machen, um damit wertvollen Stadtraum zurückzugewinnen. Die Teiche, wertvolle, geschützte Feuchtwäldchen, umfangreiche Bestände von Spontanvegetation und einige andere Bestandsrelikte boten dafür eine reiche, aber bisher nicht beachtete Vielfalt.

    Das Projekt weckt dieses schlafende Potenzial, macht verborgene Qualitäten sichtbar, ohne die Spuren der Geschichte zu verwischen. Es ist ein behutsamer Umgang mit den räumlichen Gegebenheiten, ergänzt durch deutliche, neue Setzungen.

    Eine von Osten nach Westen verlaufende, einen Kilometer lange Steganlage – der „Fishwalk“ – verknüpft die Teiche begleitend und überspannend – zur Teichkette.

    Entlang der Steganlage sind Wasserstationen, die sogenannten„Follies“, angeordnet, die die Wasserflächen bespielen. „Folly“ in der Tradition des englischen Landschaftsgartens, Narrheiten als emotionale Stimmungsträger, Orte der Lust, die Blicke auf sich ziehend, Gefühle erzeugend, Attraktoren während und auch nach der Gartenschau.

    Als „Mineralienschlucht“ schneidet sich der „Fishwalk“ in den Deponiekörper ein Die Region um Wernigerode gilt in Fachkreisen aufgrund der Reichhaltigkeit unterschiedlicher

    Gesteinsformationen als geologische Quadratmeile Deutschlands. Das „Geologische Fenster“ in der „Mineralienschlucht“, liebevoll in wochenlanger Kleinarbeit durch Geologen errichtet, zeigt modellhaft die Gesteinsabfolge und -schichtungen vom Harzvorland bis zum Brocken.

    Ein „Gartenband“ rahmt die Zaunwiese, ein offener und weiter, zur Stadt leicht geneigter Wiesenraum, der die bestehende Bauminsel in seine Mitte nimmt. Dieses romantische Wäldchen ist mit einer glänzenden Rahmung aus Lochblech als „Zauberwäldchen“ inszeniert.

    Das Gartenband schlingt sich, als Abfolge von 40 unterschiedlichen Gärten, entlang der Teiche, getrennt durch Wände aus farbigem Textilgewebe. Hier wird die große Vielfalt von Themengärten zur Flaniermeile, das Gartenband lädt ein zum Schaufensterbummel.

    Eine Besonderheit stellen die „Recyclinggärten“ dar. Dem Ort entstammende Baustoffe und Abbruchmaterialien werden in Kombination mit jeweils einer Baumart -„Magnolien auf Stahl“, „Asphaltbrecher“, „Birken auf dem Dach“, „Blut auf Schlacke“, „Bergidyll“- zu Elementen der Gartengestaltung.

    Die geschwungene, landschaftliche Promenade sucht die ruhigen Orte der Gartenschau, bildet das introvertierte Pendant zum geradlinigen, extrovertierten „Fishwalk“. So entsteht an einer vernachlässigten Randlage durch Transformation ein moderner Park mit klarer, zusammenhängender Ausprägung. Entstanden ist ein Spagat zwischen Show und nachhaltigem Nutzen regionaler Eigenarten. Die verwendeten Materialien leisten dazu einen wichtigen Beitrag: Harzer Kalkstein als Füllmaterial der Gabionen, als Wasserbausteine oder auch Wegebaumaterial. Stahl als Einfassung für Wege und Mauerwangen, Holz für Sitzterrassen, Stege und Pavillons verweisen auf die wichtigsten Rohstoffe der Region, die für die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt Wernigerode von historischer Bedeutung sind.

    Fläche

    350.000 m²

    Auftraggeber

    Stadt Wernigerode

    Architektur

    A_lab architektur, Jens Schmahl, Berlin

    Bauleitung für hutterreimann

    Christian Pfeuffer, Ber

    Pflanzplanung Stauden

    Christian Meyer, Berlin

    Pflanzplanung Stauden und Wechselflor

    Christine Orel, Herzogenaurach

    Tragwerksplanung Fish-Walk

    Bollinger+Grohmann Architekten und Ingenieure 

    Statik

    Wernigeröder Ingenieurbau GmbH (WIG)

    Videokunst

    Eva Maria Heinrich, Berlin

    Soundkunst

    David Schwager, Düsseldorf 

    Wettbewerb 2003, 1. Preis

    Planung und Realisierung

    2003 - 2006