Die Fußgängerzone von Wesel, ein zusammenhängender, linearer Raum von über einem Kilometer Länge, erstreckt sich zwischen dem historischen Willibrodi-Dom auf dem Großen Markt im Westen und dem bedeutenden Berliner-Tor-Platz, welcher den indirekten Bezug zum sich östlich anschließenden Bahnhofsbereich herstellt. Der über seine markanten Anfangs- bzw. Endpunkte und seine strenge Linearität klar definierte Raum der Fußgängerzone wurde vor über 30 Jahren grundlegend und im nach damaligen gestalterischen und funktionalen Sinne neu gestaltet. Diese Gestaltung entspricht nicht mehr den heutigen Maßstäben, die einstmalige gestalterische Durchgängigkeit ist mit den Jahren durch Abnutzung, Ausfall, Austausch und vor allem Addition neuer Elemente verloren.

     

    K O N Z E P T

    Primäres Ziel des Entwurfes ist es, eine gestalterische wie auch räumliche Durchgängigkeit herzustellen, die die Weseler Fußgängerzone als Einheit erfahrbar und die Identität dieses zentralen Stadtraumes erlebbar macht. Außerdem sollen Bezüge zum umliegenden Stadtraum gestärkt, Übergänge und Schnittstellen herausgearbeitet, Eingangsbereiche betont, die Raumkanten wieder sichtbar gemacht und die Aufenthaltsqualität grundlegend verbessert werden.

    Hierzu wird es für notwendig erachtet, den heutigen Ausstattungs- und Funktionsbestand „aufzuräumen“ bzw. neu zu ordnen – d.h. die bestehende heterogene Pflasterung, die vorhandene additive Möblierung, der nicht erhaltenswerten Gehölzbestand wird entfernt und notwendige Funktionen neu verteilt, um so den verstellten Raum für eine zeitgemäße, der Bedeutung des Ortes angemessene Neugestaltung zu öffnen. Die Anordnung neuer Ausstattungs- und Gestaltungselemente soll konzentriert und systematisiert einem klaren Prinzip folgen, um die gestalterische Identität, die räumliche Transparenz und funktionale Stimmigkeit der Weseler Fußgängerzone auch nachhaltig zu gewährleisten.

    Die Gleichförmigkeit der Linearität der Weseler Fußgängerzone wird durch eine bewußte Segmentierung in miteinander verbundene Teilräume unter Bezugnahme auf den umgebenden Städtebau rythmisiert - gleichzeitig wird die Linearität als Thema aufgegriffen und als durchgängiges Gestaltungsprinzip in unterschiedlichen Maßstäben umgesetzt.

    Grundlegender Teil des Gestaltungskonzepts ist eine Vereinheitlichung des Bodenbelags. Hierzu wird der in Teilbereichen (z.B. Berliner-Tor-Platz) bereits vorhandene und an einem Großteil der Fassaden der Geschäftshäuser der Weseler Innenstadt zu findende rötliche Klinker in leicht changierenden Farbabstufungen zur vollflächigen Pflasterung der Fußgängerzone im Fischgrätverband vorgeschlagen. Der Belag setzt sich bis in die angrenzenden Seitenstraßen fort und verzahnt sich dort mit dem umliegenden Stadtraum.

    Im Abstand von 1.5m entlang der Fassaden und Schaufenster verläuft ein Band ebenfalls aus Klinker, um diesen u.a. für die Auslagen der Geschäfte vorgesehenen Bereich zu definieren. Auch das Klinkerband setzt sich bis in die Seitenstraßen fort und gliedert die als Mischverkehrsflächen ausgebildeten Flächen in befahr- und begehbare Bereiche.

    Die „Modularen Bänder“ halten einerseits den langestreckten Raum der Fußgängerzone als gestalterische Einheit zusammen, gleichzeitig aber definieren sie durch ihre an angrenzenden den Baublöcken orientierten Versprünge und Seitenwechsel räumliche Untereinheiten, zonieren die Teilräume und erzeugen so eine spannungsreiche Varianz innerhalb des Gesamtraums. Die gestalterisch individuellen Plätze „Großer Markt“ und „Berliner-Tor-Platz“ werden über ein „Modulares Band“ mit der zwischen ihnen aufgespannten Fußgängerzone in eine direkte gestalterische Verbindung gebracht.

    Die zwei Meter breiten Bänder werden durch je einen 50cm breiten seitlichen Streifen aus kugelgestrahlten, hellen, 2 Meter langen Betonplatten seitlich begrenzt. Der ein Meter breite Mittelstreifen ist mit 1 x 1 Meter breiten, ebenfalls kugelgestrahlten und dezent rötlich eingefärbten Betonplatten belegt.

    Darüber hinaus dienen die Bänder als „Träger“ für die markanten, die Fußgängerzone durchlaufenden Baumreihen (gepflanzt in gelochten Beton-Baumscheiben im Mittelstreifen der Bänder) aus hochstämmig aufgeasteten Felsenbirnen (Amelanchier lamarckii) und sind in der Lage jegliche Austtattungsgegenstände sinnfällig aufzunehmen. Hierzu zählen u.a. langestreckte Beton-Sitzelemente mit verschiebbaren Kunststoff-Sitzauflagen und im Sockel eingelassenen Lichtbändern, Pflanzkübel (bepflanzt mit kastenförmig geschnittenem Kirschlorbeer) zur Abschirmung und Definition von gastronomischen Außenbereichen, Fahrradabstellbügel und Abfalleimer aus pulverbeschichtetem Stahl, kleinere Spielgeräte, Mastleuchten und vereinzelt auch Telefonzellen.

    Angelagert an die „Modularen Bänder“ finden sich von außen verspiegelte Kleinarchitekturen – die „Nuggets“, die funktional flexibel z.B. als Kiosk, Eisladen, Imbiss oder Souvenirshop genutzt werden können. Die freie Verteilung und Form steht dabei in bewusstem Kontrast zur formalen und konzeptionellen Strenge der Fußgängerzone.

    Die Versprünge der „Modularen Bänder“ akzentuieren gleichermaßen die Schnittstellen zwischen der Fußgängerzone und den sich anschließenden / kreuzenden Seitenstraßen. An diesen „Sollbruchstellen“ innerhalb des linearen Raumes der Fußgängerzone befinden sich in Zweier- bis Dreiergruppen leicht gewölbte „Gräser-Inseln“, welche sowohl neue Bäume (Coryllus colurna – Baumhasel) wie auch erhaltene Bestandsbäume in freien Gruppen aufnehmen. Gefasst werden diese formal eigenständigen Baum- und Gräser-Inseln mit einem umlaufenden, leicht gegenüber dem Belag erhöhten Band aus hellem Ortbeton.

    Im lichten Schatten der freien Bäume entstehen Orte, die gleichzeitig Vermittler sind zwischen den linearen räumlichen Untereinheiten der Fußgängerzone.

    Auch im Rahmen des Beleuchtungskonzeptes ist eine Pointierung der Schnittstellen sowie wichtiger Platz- und Eingangsbereich vorgesehen. Die freien Baumgruppen in den Gräser-Inseln werden über Bodenstrahler akzentuiert. Ferner markieren 12m hohe Reflektor-Leuchten mit großzügigem Reflektorsschirm sowohl über das von ihnen ausgehende Licht als auch über ihre eigene Zeichenhaftigkeit die Brüche im linearen Raum.

    In den „Modularen Bändern“ finden entweder die noch relativ neuen Bestandsleuchten in erweiterter Anzahl Wiederverwendung – nach Möglichkeit werden diese aber ersetzt durch einen der neuen Gestaltungen angemessenen Leuchtentyp: Moderne Lichtstelen aus pulverbeschichtetem Edelstahl mit Opal-Leuchtköpfen und einer Höhe von 6 Metern, linear angeordnet in den „Modularen Bändern“ in einem Abstand von ca. 15 Metern. Die perspektivische Wirkung der Linearität der Teilräume wird darüber hinaus durch in die Sockel der Sitzelemente eingelassene Lichtleisten verstärkt.

    Vereinzelte Kleinarchitekturen (Nuggets) innerhalb der Fußgängerzone setzen durch Illumination interessante Licht- und Blickpunkte.

    Einzelne architektonisch markante Hausfassaden können über ein dezentes Anstrahlen in der Gesamtabwicklung der Gebäude hervorgehoben werden.

    Größere, flächige Spielbereiche in der Fußgängerzone sind bewusst nicht mehr wie im Bestand vorgesehen. Stattdessen wird vorgeschlagen, die Spielflächen in der direkten Umgebung der Fußgängerzone vorzusehen bzw. dort bereits vorhandene zu stärken.

    Die Ausstattung mit Spielgeräten in der Fußgängerzone beschränkt sich auf die punktuelle Integration von abstrakten, bespielbaren Objekten aus gebogenem Edelstahlrohr, welche in die „Modularen Bänder“ integriert werden können.

    Fläche

    15.000 m²

    Auftraggeber

    Stadt Wesel

    Wettbewerb 2007, Anerkennung